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Dendrochronlogische Gutachten für den Distelweg 11 und die Harburger Straße 74

Unten stehend ist der Download der dendrochronoligischen Untersuchungen zu den beiden Häusern im Distelweg 11 und in der Harburger Straße 74 möglich, die von der Firma Pressler durchgeführt wurden.

Link zur Firma Pressler: http://www.pressler.com.de/

Download Harburger Straße 74: 7740 – Pressler – Dendrochronologie – Harburger Straße 74
Download Distelweg 11: 7738 – Pressler – Dendrochronologie – Distelweg

Dr. Wolfgang Dörfler zum historischen Wert des Hauses im Distelweg 11

Download als Word-Datei: Stade 1634 – Gutachten von Dr. Dörfler

 

Dr. med. Dr. phil. Wolfgang Dörfler

Arzt für Allgemeinmedizin, Historiker, Bauforscher

Referent für Bauforschung im Vorstand der Interessengemeinschaft Bauernhaus

 

Weidenweg 11 Hesedorf

27404 Gyhum

Tel. 04286 1456/01719908693

Mail: hesedoerfler@web.de

 

Stellungnahme zum historischen Wert des Hauses Stade,

Diestelweg Nr. 11 aus Sicht der Bauforschung

 

Es handelt sich um ein niederdeutsches Hallenhaus (Längsdielenhaus). Von der Größe her ist es ein Köthnerhaus, also das Haus der Stelle eines selbstständig wirtschaftenden Kleinbauern. Die bereits dendrochronologisch ermittelte Bauzeit von Vordergiebel und Dieleninnengefüge auf 1634 (d) weist dem Haus eine ungewöhnlich frühe Bauzeit zu, d.h. gerade für ein Kleinbauernhaus ist es eine große Seltenheit, dass es ein solch hohes Alter erreicht hat.

 

Die Bauzeit fällt in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges, wovon dem Haus aber nichts anzumerken ist. Die verbauten Holzdimensionen sind beträchtlich und zeigen keine Art von Mangel an. Dieser Befund passt in die von der Bauforschung ermittelten Zustände für weite Teile Norddeutschlands; soweit Gebäude erhalten blieben, zeigen sie in den Jahren des Krieges eine eher prachtvolles Bauen, als ärmliche oder provisorische Ausführungen.

 

Der Vordergiebel zeigt die älteste Form von Giebelgestaltungen Norddeutschlands (noch wenige Jahre zuvor waren „giebellose“ Häuser mit niedrigen Wänden auch den Schmalseiten üblich).. Die beiden breitesten Ständer des Vordergiebels korrespondieren mit den Ständern des Innengefüges. Sie zeigen die gleiche beabsichtigte Schrägstellung wie die des Innengefüges. Ihre Kopfbänder entsprechen ebenfalls denen des Innengefüges.  Erstaunlich und erfreulich ist, dass das Torgebinde mit dem Torholm keinerlei Eingriffen ausgesetzt worden ist, wie sie sonst zur Erhöhung der Einfahrt fast regelhaft vorgenommen wurden. Die breiten Fächer zwischen Tor- und Hauptständern sind zweifach verriegelt, jetzt aber durch kleine Zwischenständer zusätzlich geteilt. Das entspricht einem Umbau aus der Zeit, als die Lehmfüllungen der Gefache durch Ziegelausmauerungen ersetzt wurden.  An den vorderen Hausecken ist das Fachwerk zusammen mit dem der Außenlängswände komplett in Massivbauweise erneuert worden. Aussagen über die Holzstärken und Ständerabstände sind aber noch möglich, da sich die alten Wandrähme der Außenlängswände in großen Teilen erhalten haben.

Der Hintergiebel macht mit seinem regelmäßigen, relativ engen Fachwerk einen jüngeren Eindruck; er scheint eher aus dem späten 18. Jahrhundert zu stammen. Zwar sind auch hier die Hauptständer noch betont, aber die  durch vier Zwischenständer und eine zweifache Verriegelung entstehenden kleinen Gefache sprechen nicht für eine Abzimmerung im 17. Jahrhundert. Das untere Fach ist nur minimal schmaler als die oberen Fache, so dass die sicher stattgefundene Schwellenauswechslung hier nicht mit dem sonst üblichen großen Höhenverlust der Ständer einherging. Für einen jüngeren Umbau spricht auch ein heute mit über 4m außergewöhnlich tiefes Kammerfach. Das

hatte zur Erbauungszeit im 17. Jahrhundert sicher höchstens 2,5m gemessen. Insofern ist von einer hinteren Hausverlängerung auszugehen, die aber dendrochronologisch noch nicht datiert ist. Ev. wurde bei der Verlängerung auch der Giebel in Teilen nur versetzt, so dass eine Holzdatierung das Datum des Umbaus nicht anzeigen müsste.

Das eindrucksvollste an dem Haus ist das Gefüge der Diele. Große Holzdimensionen, eine gleichmäßig dunkelbraun/schwarze Färbung aller Hölzer und die ungestörte Reihung von Riegeln und Kopfbändern sind sehr selten bei einem Haus dieses Alters. Die Schwärzung zeigt an, dass das Haus jahrhundertelang als offenes Rauchhaus betrieben wurde, ehe der jetzt vorhandene Überdachschornstein errichtet wurde. Die drei Dielenfache sind komplett aus Eichenholz gezimmert. Der Balkenüberstand (nach hinten über die Ständerreihen hinaus gemessen) beträgt 40cm. Diese Länge ist eine Neuerung des 17. gegenüber dem 16. Jahrhundert, als die Überstände noch geringer waren.  Die Kopfbänder zeigen noch den schmucklosen einfachen Bogenschnitt, der der Tatsche des Kleinbauernhauses, wie der Zugehörigkeit zu einer konservative Bauauffassung geschuldet ist. Einige Jahre später wären schon andere Formen gewählt worden. Die Rähme (die Längsverbindung zwischen den Ständern) sind kopfriegelartig gestoßen, d.h. sie überspannen ein Fach und sind seitlich in die Ständerköpfe eingezapft. Dadurch liegen die Balken den Ständerköpfen direkt auf. Die Verbindung Ständer- Balken erfolgt nur durch eine flache Ausnehmung aus dem Balken, eine sog. Verkämmung. Auch das ist eine altertümlich-konservative Verzimmerungsart.

Heute sind Diele und Flett durch eine Scherwand getrennt. Die beiden Unterschlagsriegel  mit ihren Kopfbändern sind entfernt. Das ist schade, erfolgte um eine höhere Decke einziehen zu können und war aber leicht möglich, da das Haus ein nur ein Fach schmales Flett hat, also kein Deckenbalken von der Unterschlagskonstruktion abgefangen werden mußte. Ein solch schmales Flett ist eine echte Kurriosität und bisher nur singulär bei einem Kleinbauernhaus in Riepe, Lkrs. Rotenburg nachgewiesen worden. Der Sinn der Unterschlagskonstruktion war also kein statischer (wie es sonst der Fall ist), sondern ein dem Raumgefühl geschuldeter. Der Eß- bzw. Waschplatz sollte durch die mit dieser Konstruktion verbundene  heruntergezogene Deckenebene wohnlicher und dem gewohnten Empfingen gemäß gestaltet werden. Eine Rekonstruktion des Fletts beim Wiederaufbau wäre wegen der vorhandenen Holznarben (Zapfenlöcher in den entsprechenden Ständer) leicht möglich.

 

Die Herdwand ist im jetzigen Zustand stark verbaut und daher nur unvollständig zu untersuchen. Sie zeigt immerhin ein Fensterchen, wie es typisch ist, um bei zur Diele hin offenem Flett (also vor Einbau der Scherwand) von der Kammer aus, das Vieh auf der Diele beobachten zu können. Daneben ist eine bogige Aussägung aus einem Wandriegel erkennbar, die ein sicherer Hinweis auf einen hier einmal vorhandenen Bileggerofen  (Fünf-Platten-Ofen) ist. Diese Öfen wurden von Flett aus beheizt und gaben ihren Rauch auch ins Flett ab, so dass die Stube dahinter rauchfrei beheizt werden konnte. Wenn es zum Abbruch des Hauses kommt, sollte unbedingt die Stader Stadtarchäologie hinzugezogen werden, um durch Ausgrabung hier vor der Mitte der Herdwand die Situation der alten Feuerstelle zu dokumentieren.

Es handelt sich um ein sehr wertvolles in seine Befunden interessantes Haus aus dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts, dem man nur wünschen kann, dass nach einer umsichtigen Demontage der Wiederaufbau fachgerecht erfolgen wird, um diese aussagekräftigen Befunde zu bewahren.

Reetdach ist immaterielles Kulturerbe der Unesco

Das Eindecken von Dächern mit Reet (regional auch Ried, Reith, Rohr oder Schilfrohr genannt) ist eine der ältesten Handwerkstechniken beim Hausbau. Als Basismaterial für Reetdächer dient das gemeine Schilf- oder Teichrohr. Die ersten nachgewiesenen Reetdächer gab es bereits um 4000 v. Chr., wie z.B. die Pfahlbauten am Bodensee. Reetdächer findet man in vielen Regionen Europas u. a. in Holland, England sowie Dänemark, aber auch Asiens und Afrikas. In Deutschland sind sie heute überwiegend im norddeutschen Raum mit Küstennähe zu finden, wie auf dem Darß und der Insel Rügen in Mecklenburg-Vorpommern. Vereinzelt trifft man sie auch im Spreewald oder in Süddeutschland an.

Weitere Informationen: https://www.unesco.de/kultur/immaterielles-kulturerbe/bundesweites-verzeichnis/eintrag/reetdachdecker-handwerk.html